Écrit par Anja Geisler Classé sous https://open.spotify.com/show/00ztU6kZAerirv82VYma8w?si=zhI_APK9QEWPlgjhU2JBGw, https://www.youtube.com/@dr.anjageisler9296 Précédent / Suivant Partager ceci # Parodontitis: Eine unterschätzte Volkskrankheit mit Auswirkungen auf den ganzen Körper avr. 26, 2026 Écrit par Anja Geisler Parodontitis: Eine unterschätzte Volkskrankheit mit Auswirkungen auf den ganzen Körper Autorin: Dr. Anja Geisler M. Sc., Zahnärztin Lesezeit: ca. 10 Minuten Etwa zwölf Millionen Erwachsene in Deutschland leiden nach Schätzungen der Bundeszahnärztekammer an schweren parodontalen Erkrankungen. Bei Senioren über 65 ist sogar etwa jeder Zweite betroffen.¹ Was viele nicht wissen: Parodontitis ist weit mehr als ein Problem im Mund. Wissenschaftliche Untersuchungen weisen auf mögliche Zusammenhänge mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Schwangerschaftskomplikationen und sogar neurodegenerativen Erkrankungen hin. In diesem Artikel erfährst du, was Parodontitis genau ist, woran du sie erkennst, welche Auswirkungen sie auf den gesamten Körper haben kann und was du selbst tun kannst. Was ist Parodontitis? Parodontitis ist eine bakteriell verursachte Entzündung des Zahnhalteapparats — also des Gewebes, das die Zähne im Kiefer verankert. Dazu gehören das Zahnfleisch, die Wurzelhaut, der Wurzelzement und der Kieferknochen. Die Krankheit entwickelt sich in mehreren Stadien: Stadium 1 — Gingivitis (Zahnfleischentzündung): Eine oberflächliche Entzündung des Zahnfleischs, ausgelöst durch bakteriellen Plaque (Biofilm). In diesem Stadium ist die Erkrankung noch vollständig reversibel. Stadium 2 — Beginnende Parodontitis: Wenn Gingivitis nicht behandelt wird, kann sich die Entzündung in tiefere Gewebeschichten ausbreiten. Erste Knochenabbau-Prozesse beginnen. Stadium 3 — Fortgeschrittene Parodontitis: Der Zahnhalteapparat wird zunehmend abgebaut. Es bilden sich tiefere Zahnfleischtaschen, in denen sich aggressive Bakterien ansiedeln. Stadium 4 — Schwere Parodontitis: Massiver Knochenverlust, lockere Zähne bis hin zum Zahnverlust. Wichtig zu verstehen: Die Übergänge sind fließend. Eine konsequente zahnärztliche Betreuung kann das Fortschreiten in vielen Fällen aufhalten.² Warum so viele Menschen es nicht merken Eines der heimtückischen Merkmale der Parodontitis: Sie verläuft in den frühen Stadien meist schmerzlos. Während Karies häufig durch akute Schmerzen auf sich aufmerksam macht, schreitet Parodontitis oft jahrelang unbemerkt voran. Die Symptome sind subtil und werden oft fehlinterpretiert: Zahnfleischbluten beim Putzen — wird häufig als "zu hart geputzt" abgetan Mundgeruch — wird durch Mundspülungen kaschiert Gerötetes oder geschwollenes Zahnfleisch — wird als vorübergehend angesehen Empfindliche Zähne im Bereich des Zahnhalses — wird als "normaler Verschleiß" eingeordnet Lange Zähne durch zurückweichendes Zahnfleisch Lockere Zähne — in fortgeschrittenen Stadien Eitriger Geschmack im Mund Dabei ist gerade die Frühphase entscheidend für den weiteren Verlauf. Je später die Diagnose, desto aufwendiger die Behandlung. Wie der Mund den ganzen Körper beeinflusst In den letzten zwei Jahrzehnten hat die Forschung zunehmend Hinweise auf Zusammenhänge zwischen Parodontitis und systemischen Erkrankungen gefunden. Die zugrundeliegende Theorie: Chronische Entzündungsprozesse im Mundraum können entzündungsfördernde Botenstoffe (Zytokine) und Bakterien in den Blutkreislauf abgeben — und damit weit entfernt vom Mund Wirkungen entfalten. Herz-Kreislauf-Erkrankungen Eine umfangreiche Konsensusarbeit der European Federation of Periodontology und der World Heart Federation aus dem Jahr 2020 dokumentiert, dass Menschen mit Parodontitis ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufweisen.³ Bakterien aus parodontalen Taschen wurden in arteriosklerotischen Plaques nachgewiesen. Ob es sich um Kausalität oder Korrelation handelt, ist Gegenstand laufender Forschung — die Datenlage rechtfertigt aber, der Mundgesundheit auch im Kontext der Herzgesundheit Aufmerksamkeit zu schenken. Diabetes mellitus Typ 2 Die Beziehung zwischen Diabetes und Parodontitis gilt als besonders gut belegt. Sie wirkt in beide Richtungen: Menschen mit Diabetes haben ein erhöhtes Risiko, an Parodontitis zu erkranken. Umgekehrt erschwert eine Parodontitis die Blutzuckereinstellung bei Diabetikern.⁴ Die Deutsche Gesellschaft für Parodontologie und die Deutsche Diabetes Gesellschaft empfehlen daher, beide Erkrankungen gemeinsam zu betrachten und zu behandeln. Schwangerschaft Mehrere Übersichtsarbeiten weisen auf einen Zusammenhang zwischen Parodontitis bei Schwangeren und einem erhöhten Risiko für Frühgeburten und niedriges Geburtsgewicht hin.⁵ Hormonelle Veränderungen in der Schwangerschaft können zudem die Entstehung einer "Schwangerschaftsgingivitis" begünstigen, die ohne Behandlung zur Parodontitis fortschreiten kann. Wichtig: Eine professionelle Zahnreinigung ist auch in der Schwangerschaft möglich und wird häufig empfohlen — idealerweise im zweiten Trimester. Neurodegenerative Erkrankungen In den letzten Jahren rückte ein möglicherweise besonders weitreichender Zusammenhang in den Fokus der Forschung: Eine vielbeachtete Studie aus dem Jahr 2019 fand Bestandteile des typischen Parodontitis-Bakteriums Porphyromonas gingivalis in Gehirnen von Alzheimer-Patienten.⁶ Die Forschung steht hier noch am Anfang. Die These einer kausalen Beteiligung von oralen Bakterien an Alzheimer wird kontrovers diskutiert. Die bisherigen Befunde sind aber Anlass genug, der Mundhygiene auch im Kontext langfristiger Gehirngesundheit Aufmerksamkeit zu widmen. Risikofaktoren: Wer ist besonders gefährdet? Nicht jeder Mensch mit unzureichender Mundhygiene entwickelt zwangsläufig eine Parodontitis — und manche Menschen erkranken trotz sorgfältiger Pflege. Die Forschung kennt heute eine Reihe von Risikofaktoren: Beeinflussbare Faktoren: Rauchen — gilt als einer der stärksten Risikofaktoren Mangelnde Mundhygiene — bakterieller Plaque ist die Grundvoraussetzung Stress — beeinflusst das Immunsystem Ernährung — vor allem zuckerreiche, säurelastige Kost Schlecht eingestellter Diabetes Übergewicht Nicht oder kaum beeinflussbare Faktoren: Genetische Veranlagung — etwa 30 % des Erkrankungsrisikos sind genetisch bedingt Alter — das Risiko steigt mit den Jahren Hormonelle Schwankungen — Pubertät, Schwangerschaft, Menopause Bestimmte Medikamente — z. B. einige Blutdrucksenker, Immunsuppressiva Wenn mehrere Risikofaktoren zusammenkommen, sollte man besonders aufmerksam sein — und engmaschiger zahnärztlich betreut werden. Was du selbst tun kannst Auch wenn die Erkrankung komplex ist: Es gibt eine Menge, was jeder Einzelne für die eigene Mundgesundheit tun kann. Die täglichen Grundlagen 1. Konsequentes Zähneputzen Mindestens zweimal täglich für jeweils zwei bis drei Minuten. Dabei ist die Technik wichtiger als der Druck — sanftes, kreisendes Putzen entlang des Zahnfleischrandes reinigt gründlicher und schont das Zahnfleisch. Sowohl Hand- als auch Elektrozahnbürsten können wirksam sein, wenn sie richtig angewendet werden. 2. Zwischenraumpflege Etwa 30 % der Zahnoberflächen liegen zwischen den Zähnen — dort kommt eine Zahnbürste nicht hin. Hier helfen Zahnseide oder, bei größeren Zwischenräumen, Interdentalbürsten. Mindestens einmal täglich, idealerweise abends. 3. Bewusste Auswahl der Pflegeprodukte Achte auf die Inhaltsstoffe deiner Mundpflegeprodukte. Eine sorgfältig zusammengestellte Zahncreme mit milden Reinigungskomponenten und ohne aggressive Tenside kann zur täglichen Mundpflege beitragen. Die professionelle Ebene 4. Regelmäßige Kontrollen Mindestens einmal pro Jahr zur zahnärztlichen Kontrolle — bei erhöhtem Risiko alle sechs Monate. Ein guter Zahnarzt erkennt frühe Anzeichen, die du selbst nicht bemerkst. 5. Professionelle Zahnreinigung (PZR) Mindestens einmal jährlich, bei erhöhtem Risiko zwei- bis viermal pro Jahr. Hier werden Beläge entfernt, die du zu Hause nicht erreichst — vor allem in den Zahnfleischtaschen. 6. Bei ersten Anzeichen: nicht zögern Zahnfleischbluten ist kein "kleines Problem". Es ist das früheste sichtbare Warnsignal. Wer es ignoriert, riskiert den Übergang zur Parodontitis. Lebensstil-Faktoren 7. Rauchstopp Wenn du rauchst und einen einzigen Tipp aus diesem Artikel mitnehmen willst — dann diesen. Rauchen ist der bedeutendste beeinflussbare Risikofaktor für Parodontitis. 8. Ausgewogene Ernährung Eine Ernährung mit ausreichend Vitamin C, D und Antioxidantien unterstützt die Gewebegesundheit. Häufige zucker- und säurereiche Snacks belasten den Mundraum. 9. Stressmanagement Chronischer Stress schwächt das Immunsystem — und kann sich auch im Mund bemerkbar machen, etwa durch Zähneknirschen. Häufig gestellte Fragen (FAQ) Wie merke ich, dass ich Parodontitis habe? Die ersten Anzeichen sind oft Zahnfleischbluten beim Putzen, Mundgeruch und gerötetes oder geschwollenes Zahnfleisch. Sicher diagnostizieren kann eine Parodontitis nur ein Zahnarzt — er misst dafür unter anderem die Tiefe der Zahnfleischtaschen. Bei Symptomen solltest du nicht zögern, einen Termin zu vereinbaren. Ist Parodontitis heilbar? Eine bestehende Parodontitis kann in den meisten Fällen gut behandelt werden — das Fortschreiten lässt sich aufhalten und die Entzündung kann zum Abklingen gebracht werden. Bereits abgebauter Knochen wächst jedoch nicht mehr nach. Deshalb ist die frühe Diagnose so wichtig. Was kostet eine Parodontitis-Behandlung? Die Grundbehandlung (Parodontitis-Therapie) wird in Deutschland von der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen, sofern sie medizinisch indiziert ist. Begleitende Maßnahmen wie professionelle Zahnreinigungen sind in der Regel Privatleistungen. Hilft Zahnseide gegen Parodontitis? Zahnseide allein verhindert keine Parodontitis, ist aber ein wichtiger Baustein der täglichen Mundhygiene. In Kombination mit Zähneputzen und regelmäßigen zahnärztlichen Kontrollen reduziert sie das Risiko deutlich. Wird Parodontitis vererbt? Eine genetische Komponente ist nachgewiesen — etwa 30 % des Erkrankungsrisikos werden auf genetische Faktoren zurückgeführt. Wenn in deiner Familie Parodontitis gehäuft auftritt, solltest du engmaschiger zahnärztlich betreut werden. Hilft eine fluoridfreie Zahncreme? Diese Frage wird kontrovers diskutiert. Fluorid hat eine wissenschaftlich belegte kariesprotektive Wirkung. Wer aus persönlichen Gründen auf Fluorid verzichten möchte, sollte das mit dem behandelnden Zahnarzt besprechen — und besonderen Wert auf eine sorgfältige Mundhygiene und regelmäßige professionelle Zahnreinigungen legen. Über die Autorin Dr. Anja Geisler M. Sc. ist seit über 25 Jahren Zahnärztin in München, Heilpraktikerin und Gerichtsgutachterin. Sie wird regelmäßig unter den Top 10 Zahnärzten in Deutschland geführt. Ihre langjährige Praxiserfahrung mit Patientinnen und Patienten verschiedener Altersgruppen hat ihre Auseinandersetzung mit den Themen Parodontitis und ganzheitliche Mundgesundheit geprägt. Quellen ¹ Bundeszahnärztekammer (BZÄK): Mundgesundheitsstudien. Zahlen und Fakten zur Mundgesundheit in Deutschland. www.bzaek.de ² Tonetti, M.S. et al. (2018): A new classification scheme for periodontal and peri-implant diseases and conditions. Journal of Clinical Periodontology, 45 Suppl 20 ³ Sanz, M. et al. (2020): Periodontitis and cardiovascular diseases: Consensus report. Journal of Clinical Periodontology, 47(3): 268–288 ⁴ Preshaw, P.M. et al. (2012): Periodontitis and diabetes: a two-way relationship. Diabetologia, 55(1): 21–31 ⁵ Madianos, P.N. et al. (2013): Periodontal disease and pregnancy outcomes. Journal of Clinical Periodontology, 40 Suppl 14 ⁶ Dominy, S.S. et al. (2019): Porphyromonas gingivalis in Alzheimer's disease brains: Evidence for disease causation and treatment with small-molecule inhibitors. Science Advances, 5(1) Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine zahnärztliche Beratung. Bei Verdacht auf Parodontitis oder andere Erkrankungen des Mundraums wenden Sie sich an Ihre Zahnärztin oder Ihren Zahnarzt.